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Dorn, Katrin: Lügen und Schweigen

Berlin: Aufbau-Verlag 2000, DM 32,00 (vergriffen)

Schweigen und trotzdem reden

von Bernadett Nierkamp

„Sie hatte sich diese Geschichte für ihn ausgedacht. Sie kann doch nichts dafür, dass sie ihm nicht gefällt, findet sie“. Vera hat für ihren Lebensgefährten Vincent, der Psychologie studiert, nicht nur eine Geschichte über ihre Kindheit erfunden. Doch dass Vera nicht immer die Wahrheit erzählt hat, bemerkt dieser erst, als eines Tages ein Brief von ihrer angeblich verstorbenen Mutter ankommt. Ohne ihm eine weitere Erklärung, macht sich Vera auf den Weg in ihr ostdeutsches Heimatdorf, um ihre Mutter und ihren Vater, der schwer erkrankt ist, zu besuchen. Diese Reise wird für sie eine Reise in die Vergangenheit, in der die lang verdrängten Erinnerungen an ihre Kindheit wieder lebendig werden.

Vera ist in einer lieblosen Atmosphäre aufgewachsen, die vom Austausch von Belanglosigkeiten und einem unerträglichen Schweigen geprägt war. Der Vater war ein verschlossener Mann, der von einer Wut beherrscht wurde, deren Grund Vera erst nun, am Sterbebett ihres Vaters, erfährt: mit der Geburt seiner Tochter zerplatzten seine Träume, den Osten zu verlassen, denn mit dem Kind war eine Ausreise unmöglich geworden und kurz darauf wurden die Grenzen geschlossen. Aus Enttäuschung zog der Vater sich zurück. Erst jetzt, kurz vor seinem Tod, beginnt Vera ihren Vater zu verstehen. Als sie schließlich nach Berlin zurückkehrt, möchte sie ihre Beziehung zu Vincent verändern. Doch unfähig sich zu öffnen und wirklich zu reden, erzählt sie ihm schließlich – froh, dass er sich amüsiert – weitere Lügen über ihren Vater, der in ihren Geschichten zum Revolteur gegen das System der DDR wird. Schließlich glaubt Vincent ihr nicht mehr. Es kommt immer öfter zu Streitigkeiten, die schließlich zur Trennung der beiden führen.

Lügen und Schweigen, dies ist der Titel des zweiten Romans von Katrin Dorn und dies ist auch das Muster, das Vera von ihrer Kindheit auf ihre Beziehung übertragen hat und das sie nicht mehr zu durchbrechen vermag. Deutlich charakterisiert die Autorin die Hauptfiguren Vera und Vincent, während die anderen Personen, vor allem der Vater weniger klar gezeichnet werden. Gut herausgearbeitet sind auch die Atmosphäre und die Probleme der Kindheit, die ihre Auswirkungen auf die Gegenwart haben. Aber der Roman ist stark konstruiert und klischeehaft aufgebaut: ein Auslöser fordert die Auseinandersetzung mit der verdrängten Kindheit. Es kommt zu Problemen in der gegenwärtigen Beziehung, die zu einer Trennung führen. Ein Seitensprung und ein Eklat folgen, doch das Happy-End deutet sich auch schon an. Dennoch ist das Buch insgesamt flüssig geschrieben und interessant zu lesen. Nur die Umstände der Affäre, die Vera nach ihrer Trennung mit einem Schauspieler beginnt, muten absurd an.

Juli 2000


Die Autorin: © Susanne Schleyer
Katrin Dorn
geboren 1963, wuchs in Thüringen auf, studierte in Leipzig Psychologie und arbeitete später u.a. als Theaterpädagogin und Herausgeberin der Literaturzeitschrift „eDiT – Papier für neue Texte“. Sie lebt seit 1996 in Berlin. Dorn wurde mit mehreren Stipendien ausgezeichnet. 1997 erschien ihr erster Roman Der Hunger der Kellnerin.