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Robert Menasse: Die Vertreibung
aus der Hölle

Frankfurt am Main: Suhrkamp 2001,
€ 25,80

Die Ironie in der Geschichte

von Sylvia Herfurth

Der 1955 in Wien geborene Viktor Abravanel, Nachfahre einer Familie von Nazi-Opfern, soll als Historiker und Spezialist für Frühe Neuzeit bei einem Kongress in Amsterdam einen Vortrag über das Thema "Wer war Baruch Spinozas Lehrer?" halten. Am Vorabend seiner Abreise spricht Viktor jedoch beim fünfundzwanzigjährigen Maturajubiläum seine ehemaligen Schulkameraden sowie seine Jugendliebe auf die Nazivergangenheit ihrer Lehrer an. Es kommt zum Desaster und eine Zeitreise in die Geschichte beginnt.
Nun wird detailgetreu das Leben des Rabbiners Samuel Manasseh ben Israel erzählt, der als kleines Kind vor der Spanischen Inquisition von Lissabon nach Amsterdam flüchten muss. Diese zwei eng ineinander verwobenen Handlungsstränge, die zum einen im Österreich der Siebzigerjahre und zum anderen in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts spielen, lassen den Zeitroman spannend erscheinen, zumal die beiden Stränge verblüffende Parallelen aufweisen. Viktors Erinnerungen an seine Schul- und Studentenzeit sowie Manassehs Biografie ähneln sich so sehr, dass dem Leser mehr als einmal auffällt, dass wir in der Geschichte immer Geschichten, die uns bekannt vorkommen, auffinden.

Das ironisch-satirisch geschriebene Buch, dessen Cover das Porträt des Rabbi Menasseh nach dem Ölgemälde von Rembrandt zeigt, ist hauptsächlich für anspruchsvolle Leser geeignet. Die Vertreibung aus der Hölle ist ein Werk, für das man sich Zeit nehmen sollte, da das Hin- und Herspringen zwischen den Epochen sowie die mangelnde Kapiteleinteilung höchste Konzentration verlangen. Dennoch regt es zum Nachdenken an. Denn Menasse beschreibt eine Hölle, geprägt von Kleinbürgerlichkeit, Sadismus und einer Unfreiheit der Religionen, der wir im Laufe der Geschichte immer wieder begegnen. Vielleicht möchte der Autor uns von der Notwendigkeit der Vertreibung aus solchen Höllen, in denen wir leben, überzeugen. Ob es ihm gelingt, ist eine andere Frage, denn eigentlich haben wir seit jeher nie aus unseren Fehlern gelernt, wie uns die Geschichte zeigt.

März 2002


Der Autor

Robert Menasse, 1954 in Wien geboren, studierte Germanistik, Philosophie und Politikwissenschaften in Wien, Salzburg und Messina. Als Romancier und Essayist hat er bereits zahlreiche Preise und Auszeichnungen erhalten. Bisher erschienen sind unter anderem Sinnliche Gewißheit (1988), Schubumkehr (1995), Das Land ohne Eigenschaften (1995) und Erklär mir Österreich (2000).